Fünf
Jahrhunderte Wissen und Innovation
Bildung neu denken
Landgraf Philipp von Hessen errichtet in Marburg eine Voll-Universität mit vier Fakultäten: Theologie, Jura, Medizin und Philosophie. Die Philipps-Universität Marburg ist die älteste heute noch bestehende protestantische Uni der Welt.
Gründung nach der Homberger Synode
Philipp von Hessen gründet die Marburger Universität, nachdem die Homberger Synode 1526 die Einführung der Reformation in der Landgrafschaft Hessen beschlossen hatte. Er errichtete als erster eine Universität losgelöst von der alten römischen Kirche, zunächst auch ohne kaiserliche Privilegien und allein an einen Landesfürsten gebunden. Nach 14 Jahren erhält die Marburger Universität 1541 schließlich das kaiserliche Privileg und wird so zu einer reichsweit anerkannten Universität. Seit dem frühen 20. Jahrhundert trägt sie den Namen ihres Gründers.
Die Universität in der reformatorischen Bildungskrise
Die Gründung fällt in die reformatorische Bildungskrise des frühen 16. Jahrhunderts. Die Zahl der Studierenden geht zurück und zugleich konkurrieren unterschiedliche Vorstellungen darüber, wie und für welchen Zweck Bildung gestaltet werden sollte. Einige Reformatoren sind der Auffassung, dass die Universität primär dem Studium und der Verkündung der Heiligen Schrift dienen sollte. Den Gegenpol bilden humanistische Strömungen mit Blick auf die Antike, auf Textkritik, auf die biblischen Sprachen Griechisch, Hebräisch und Latein sowie mit der Ausrichtung der Wissenschaft auf den Nutzen für die Gemeinschaft.
Humanistisch-reformatorischer Ausgleich als Leitidee
Bei der Errichtung der protestantischen Landesuniversität geht Landgraf Philipp neue Wege. Er behält alte Verwaltungsstrukturen bei und bemüht sich inhaltlich um einen humanistisch-reformatorischen Ausgleich. Das zeigt sich in Berufungen und der inhaltlichen Ausprägung des Studienplans, die jeweils von einem humanistischen Geist geprägt sind. Er beruft aber auch Professoren unterschiedlicher Strömungen und setzt auf Dialog. Den Reformator François Lambert aus Avignon etwa, der eine zentrale Rolle während der Homberger Synode spielte, macht er zum ersten Theologieprofessor der Marburger Universität.
Ausbildung, Pädagogium und frühes Stipendienwesen
Philipp strebt an, an der Universität evangelische Pfarrer, Lehrer und Beamte auszubilden. Das ebenfalls neu gegründete Pädagogium (das heutige Gymnasium Philippinum) diente dabei als Bindeglied zu städtischen und ländlichen Schulen. 1527 lehrten zunächst 10 Professoren an der Marburger Universität; etwa 90 Studenten studierten dort.
Eine Errungenschaft war das Stipendienwesen, das Philipp 1529 mit der Stipendiatenanstalt begründet. Es befähigt begabte und mittellose Männer dazu, das Pädagogium und die Universität zu besuchen. Als Collegium Philippinum der Hessischen Stipendiat*innenanstalt hat es einen großen Wandel durchlebt und besteht bis heute. Es nennt sich selbst das älteste selbstbestimmte Wohnheim im Herzen Marburgs.
Von der Universitätsgründung zur heutigen Philipps-Universität
Heute hat die Philipps-Universität etwa 21.000 Studierende, rund 380 Professorinnen und Professoren lehren hier. Die Universität bietet mit aktuell 218 Studienmöglichkeiten ein sehr vielfältiges Studienangebot: von klassischen Ein-Fach-Bachelorstudiengängen (Mono) über den Kombi-Bachelor und das Lehramtsstudium bis hin zu den traditionellen Staatsexamensstudiengängen. Zudem gibt es in Marburg ein breites Spektrum an Master- und Weiterbildungsangeboten. Die forschungsbasierten Studiengänge fördern die Entwicklung junger Menschen zu Eigenständigkeit, kritischem Denken und Toleranz und befähigen Studierende dazu, Verantwortung im sozialen und demokratischen Rechtsstaat zu übernehmen. Fachliche Tiefe und die Perspektivenvielfalt des breiten Fächerspektrums spielen dabei ebenso eine zentrale Rolle wie die vernetzenden Studienstruktur des Marburger Profils. In der Gestaltung der Lehre zielen die Studiengänge auf die Verwirklichung einer friedlichen, geschlechtergerechten, nachhaltigen und sozialen Gesellschaft in kultureller Vielfalt ab.
Landgraf Philipp der Großmütige
© Bildarchiv Foto Marburg
Quellen und Vertiefung
Winterhager, Wilhelm Ernst: Die Gründung der Universität in ihrem historischen Kontext, in: Christina Schlag, Wolf-Friedrich Schäufele, Christoph Otterbeck (Hrsg.): Bildungsereignis Reformation. Ideen – Krisen – Wirkungen, Weimar 2017, S. 36 – 44.
Schaal, Katharina und Steffen Arndt: Kostbarkeiten aus der Geschichte der Philipps-Universität Marburg in Archiv, Bibliothek und Museum, Marburg 2009.
Die Wiege der Universitätschemie steht in Marburg: Im Jahr 1609 ernennt Landgraf Moritz von Hessen-Kassel den Chemiker Johannes Hartmann (1568-1631) zum weltweit ersten Professor für Chymiatrie (medizinische Chemie).
Mit der Berufung von Johannes Hartmann (1568 bis 1631) wird die Philipps-Universität Marburg zum Ausgangspunkt einer neuen Wissenschaft: Im Jahr 1609 ernennt Landgraf Moritz von Hessen-Kassel den Gelehrten zum weltweit ersten Professor für Chymiatrie, einer Verbindung von Chemie, Pharmazie und Medizin. Marburg begründet damit die pharmazeutisch-medizinische Chemie und wird zu einem zentralen Ausgangspunkt der Universitätschemie – ein Meilenstein, der Jahrhunderte später auch von der Gesellschaft Deutscher Chemiker gewürdigt wird: Der Ort des historischen Labors am Barfüßertor wird 2015 als „Historische Stätte der Chemie“ ausgezeichnet.
Medizin und Chemie im Wandel des 17. Jahrhunderts
Zu Beginn des 17. Jahrhunderts befindet sich die Medizin im Wandel. Neben der traditionellen, auf antiken Autoritäten beruhenden Heilkunde entstehen neue Ansätze, die den menschlichen Körper als Ort chemischer Prozesse begreifen. Inspiriert von Denkern wie Paracelsus rückt die Suche nach wirksamen Arzneimitteln in den Mittelpunkt. Experiment und Beobachtung gewinnen an Bedeutung – doch an den Universitäten ist die Chemie noch kein eigenständiges Fach, sondern Teil der medizinischen Ausbildung.
Johannes Hartmann etabliert Laborpraxis in Forschung und Lehre
Hier setzt Hartmann an. In Marburg etabliert er die Chemie erstmals systematisch in Forschung und Lehre und geht dabei neue Wege: Sein Unterricht umfasst nicht nur Vorlesungen, sondern auch praktische Übungen im Labor. Studierende stellen selbst Arzneimittel her, untersuchen Substanzen und lernen chemische Verfahren unmittelbar kennen. Diese Verbindung von Theorie und Praxis ist für die damalige Universitätslehre revolutionär und macht Marburg zu einem Anziehungspunkt für Studierende aus ganz Europa. Hartmanns Lehrform gilt als Vorläufer des modernen Laborpraktikums in Chemie und Pharmazie.
Zugleich steht seine Professur für ein neues wissenschaftliches Selbstverständnis. Hartmann, der aus einfachen Verhältnissen stammt und sich vom Buchbinder zum Gelehrten entwickelt, verbindet unterschiedliche Disziplinen und fordert früh die Eigenständigkeit der Chemie. Damit weist seine Arbeit über die Chymiatrie hinaus und legt Grundlagen für die Entwicklung der Chemie als experimentelle Naturwissenschaft. Die Einrichtung eines universitären Labors markiert dabei einen entscheidenden Schritt hin zu einer Forschung, die auf systematischer Erfahrung und überprüfbaren Ergebnissen basiert.
Von der Chymiatrie zur wissenschaftlichen Praxis
Die akademische Verankerung der Chemie verändert die Ausbildung von Ärzten und Gelehrten in Europa und trägt dazu bei, medizinische Therapien gezielter zu entwickeln. Gleichzeitig entsteht in Marburg eine Tradition experimenteller Forschung, die über Jahrhunderte fortwirkt und die Stadt zu einem bedeutenden Lehr- und Forschungsstandort der Chemie und Pharmazie macht.
Heute knüpft die Philipps-Universität Marburg mit moderner Forschung an diese Anfänge an. Die Entwicklung der Chemie in Marburg spiegelt sich auch in ihren wechselnden Standorten wider: 1881 bezog das Chemische Institut die Bahnhofstraße 7 – heute Sitz des Mitmach-Science-Centers Chemikum Marburg. Das Institut brachte fünf Chemie-Nobelpreisträger hervor, unter ihnen Otto Hahn, der in Marburg studierte.
Heute verfügt der Fachbereich Chemie auf dem Campus Lahnberge über einen modernen Neubau, der den zuvor jahrzehntelang genutzten Systembau ersetzt hat. Über 500 Studierende sind eingeschrieben, mit dem Ziel Lehramt oder akademische Forschung zu verfolgen. Die Forschung des Fachbereichs reicht von grundlagenorientierten Fragestellungen im Sinne eines Verstehens der Natur bis hin zu konkreten Anwendungen und deren wirtschaftlicher Verwertung. Ein besonderes Profil entsteht durch die enge Zusammenarbeit in material- und lebenswissenschaftlichen Schwerpunktfeldern, in denen traditionelle Disziplingrenzen zunehmend überwunden werden – Johannes Hartmann hätte seine Freude daran.
Zusätzlich legte die Professur für Chymiatrie den Grundstein für die spätere Einrichtung der wissenschaftlichen Pharmazie. 1841 wurde das Lehrfach der pharmazeutischen Chemie eingerichtet und diente in Kombination mit der Pharmakognosie zur Ausbildung von Pharmazeuten. Beginnend mit 10 bis 15 Studierenden, besitzt Marburg heute den mit 1300 Studierenden größten Fachbereich Pharmazie im deutschsprachigen Raum.
Johannes Hartmann
© Bildarchiv Foto Marburg
Quellen und Vertiefung
Friedrich, Christoph und Christian Reichardt: Johannes Hartmann und sein Marburger „Laboratorium chymicum publicum“, Frankfurt am Main, 2015.
Schmitz, Rudolf und Adolf Winkelmann: Johannes Hartmann (1568–1631) „Doctor, Medicus et Chymiatriae Professor Publicus“. Eine biographische Skizze, in: Pharmazeutische Ztg. 111 (1966), 1233–1241, S. 1235.
Thiel, Alfred: Zur Geschichte des Lehrstuhls und Instituts für Physikalische Chemie, in: Die Philipps-Universität zu Marburg 1527-1927, Hrsg. Heinrich Hermelink und Siegfried A. Kaehler, Marburg 1927, ND 1977, S. 772.
Carolus Dadichi als früher Zeuge akademischer Internationalität
Der aus Aleppo stammende Christ Carolus (Karl) Rali Dadichi gehört zu den bemerkenswerten frühen Zeugen akademischer Internationalität in Marburg. Der rum-orthodoxe Syrer, griechischer Konfession und arabischer Muttersprache, kommt 1718 an die Philipps-Universität. Er verfasst ein lateinisches Unterstützungsgesuch an die Universität, dem eine Koransure in Form eines arabischen Schriftzugs vorangestellt ist. Auf den lateinischen Vers am Ende des Schreibens folgt wohl eine als Unterschrift anzusprechende Zeile in arabischer Schreibschrift. Das außergewöhnliche Dokument befindet sich im Marburger Universitätsarchiv und erlaubt heute einen Einblick in Dadichis Biografie.
Ausbildung zwischen Aleppo, Paris und Italien
Dadichi kommt um 1693 in Aleppo zur Welt. Früh erhält er Unterricht in Syrisch und Arabisch bei angesehenen Gelehrten. Als 14-Jähriger wählt ihn der französischen König Ludwig XIV. aus, in Paris eine Ausbildung zu erhalten. Dort studiert er sieben Jahre lang Geisteswissenschaften und Philosophie und erlernt mehrere europäische Sprachen. Auf dem Rückweg nach Syrien wird sein Schiff durch einen Sturm nach Italien abgetrieben. Fasziniert von Rom, bleibt er anderthalb Jahre in Italien und setzt anschließend seine Reise über Genf, Zürich, Basel und Straßburg fort – Orte, an denen er sich unter anderem theologischen Studien widmet und Sprachunterricht nimmt.
Aufenthalt in Marburg
1718 erreicht Dadichi Marburg und richtet hier sein Bittgesuch an den Rektor der Universität. Aus den Universitätsakten geht hervor, dass Dadichi zwölf Taler bewilligt werden. Nach kurzer Zeit zieht er weiter und wirkt in Halle, Leipzig, Berlin sowie später in London. Dort bleibt er bis zu seinem Tod 1734.
Internationale Studierende in der frühen Universitätsgeschichte
Das im Universitätsarchiv bewahrte Schreiben dokumentiert die persönliche Geschichte eines weitgereisten Gelehrten und zeigt, dass die Universitäten in dieser Zeit ausländischen Studierenden offenstanden. Die Gelehrtensprache Latein machte es internationalen Studierenden leicht, in verschiedenen Ländern zu studieren. Ein außereuropäischer Gast ist dennoch bemerkenswert. Im Archiv findet sich auch die Geschichte des wohl frühesten internationalen Studierenden der Marburger Universität: Bereits 1528 studiert der Schotte Patrick Hamilton in Marburg und wird direkt nach seiner Rückkehr 1528 in Schottland als Ketzer hingerichtet.
Internationalisierung heute
Heute versteht sich die Philipps-Universität Marburg als weltoffene und international agierende Universität. Internationalisierung ist ein zentrales Querschnittsthema, das Forschung, Bildung und Transfer gleichermaßen prägt. Durch internationale Kooperationen und Perspektiven stärkt die Universität die Qualität von Forschung und Lehre, fördert die weltweite Beschäftigungsfähigkeit ihrer Absolventinnen und Absolventen und bereitet sie auf internationale Herausforderungen vor. Gleichzeitig übernimmt sie Verantwortung im globalen Kontext. So hat die Universität Marburg ein Kompetenz- und Beratungssystem für den Umgang mit schwierigen Kooperationspartnern entwickelt und stellt das Angebot ChinakomMitt der Wissenschaft auch außerhalb Marburgs zur Verfügung. Im Centrum für Nah- und Mitteloststudien steht eine umfassende geistes- wie gesellschaftswissenschaftliche Expertise für die Region zur Verfügung. Internationalisierung wird von allen Universitätsangehörigen gemeinsam getragen und transparent sowie vielfältig gestaltet.
Die Universität Marburg ist Mitglied und koordinierende Hochschule von EUPeace – der European University for Peace, Justice and Inclusive Societies.
Vermerk Syrischer Student in Marburg
© Universitätsarchiv Philipps-Universität Marburg
Quellen und Vertiefung
Hage, Wolfgang: Carolus Dadichi in Marburg (1718). Bittgesuch eines rum-orthodoxen Studenten im Universitäts-Archiv, in: Oriens Christianus. Band 95, 2011, S. 16–31.
Schaal, Katharina Schaal: Ex oriente studiosus – Syrischer Student in Marburg, in: Katharina Schaal und Steffen Arndt, Kostbarkeiten aus der Geschichte der Philipps-Universität Marburg in Archiv, Bibliothek und Museum (Schriften der Universitätsbibliothek Marburg 136), Marburg 2009, S. 28-29.
Christian Wolff und die Öffnung der Wissenschaft
Vom lateinischen Gelehrtenwissen zur zugänglichen Philosophie – und eine frühe Idee von „Open Knowledge“
Im Jahr 1723 beginnt an der Philipps-Universität Marburg ein wissenschaftsgeschichtlicher Wendepunkt. Christian Wolff wird zum Professor für Mathematik und Philosophie berufen. Mit seiner Arbeit verändert sich die Art, wie Wissen geordnet, vermittelt und zugänglich gemacht wird – ein Prozess, dessen Wirkung bis in die Gegenwart reicht.
Christian Wolff zählt zu den prägenden Denkern der deutschen Aufklärung. Immanuel Kant bezeichnete ihn als „den größten unter allen dogmatischen Philosophen“, auch wenn diese Einordnung bereits die Spannungen andeutet, die sein Werk bis heute begleiten: Bewunderung für seine Systematik und Kritik an seiner strengen Ordnung des Wissens.
Bildungsweg zwischen Theologie, Mathematik und Philosophie
Wolff wird 1679 in Breslau geboren. In seinem Elternhaus erhält er früh eine gute Bildung und soll ursprünglich Theologie studieren. Während seiner Studienzeit in Jena und Leipzig wendet er sich jedoch immer stärker der Mathematik und der Philosophie zu. Diese Verbindung aus religiösem Hintergrund und mathematischem Denken prägt sein gesamtes Werk. Wolff war überzeugt, dass auch Philosophie und Theologie zu einer möglichst sicheren und nachvollziehbaren Erkenntnis gelangen müssten – ähnlich wie in der Mathematik.
Konflikt in Halle und Berufung nach Marburg
Seine akademische Laufbahn beginnt in Halle, wo er ab 1706 lehrt und schnell zu einem bekannten Vertreter der Philosophie und Mathematik wird. Dort gerät er allerdings zunehmend in Konflikt mit der pietistischen Theologie. Der Streit eskaliert 1723: Wolff wird vorgeworfen, seine Lehre widerspreche der „natürlichen und geoffenbarten Religion“. Schließlich muss er Preußen innerhalb weniger Tage verlassen.
An der Philipps-Universität erhält er die Professur für Mathematik und Physik, die um die Philosophie erweitert wurde. Hier kann er freier lehren und arbeiten als zuvor in Halle. In Marburg entsteht ein großer Teil seiner wichtigsten Arbeiten. Wolff entwickelt sein philosophisches System weiter und veröffentlicht zentrale Werke wie die „Philosophia rationalis“ oder die „Psychologia empirica“, mit denen er versucht, das gesamte Wissen seiner Zeit systematisch zu ordnen.
Deutsch als Wissenschaftssprache und breitere Zugänglichkeit
Besonders folgenreich ist jedoch eine Entscheidung, die bereits in seinen Hallenser Jahren beginnt und in Marburg weiterwirkt: Wolff veröffentlicht seine Werke zunehmend auf Deutsch statt auf Latein. Diese Entscheidung ist keine Nebensächlichkeit, sondern ein bewusster Bruch mit der akademischen Tradition. Seine „vernünftigen Gedanken“ machen Philosophie erstmals in großem Umfang auch für Leserinnen und Leser zugänglich, die keine klassische lateinische Bildung besaßen. Zeitgenössische Quellen betonen, dass er damit den „lesegeschichtlichen Radius der Philosophie“ erheblich erweitert und Wissen über die Grenzen der Gelehrtenwelt hinaus verbreitet.
Gerade darin liegt Wolffs bleibende historische Bedeutung: Er trägt dazu bei, Wissen aus der exklusiven Sprache der Universitäten herauszulösen und in eine allgemein verständliche Form zu bringen – ein früher Impuls für eine breitere Bildungsöffentlichkeit und die Entstehung eines aufgeklärten Bildungsbürgertums.
Gegenwart: Wissen im Wandel
Wolffs Werk wirkt bis heute nach, weil es eine grundlegende Frage berührt, die weiterhin aktuell ist: Wer hat Zugang zu Wissen – und in welcher Form?
Was im 18. Jahrhundert der Wechsel vom Lateinischen zum Deutschen war, zeigt sich heute in anderer Form. Auch gegenwärtig gibt es Bereiche, die für viele Menschen schwer zugänglich bleiben – etwa durch spezialisierte Fachsprache, digitale Technologien oder komplexe Informationssysteme. Gleichzeitig erleben wir heute eine neue Phase der Öffnung von Wissen: Wissenschaftliche Publikationen sind im Sinne von Open Access frei zugänglich, Wissen verbreitet sich über digitale Plattformen, und auch komplizierte Inhalte werden zunehmend für ein breites Publikum aufbereitet.
Doch Zugänglichkeit allein bedeutet noch nicht automatisch Verständlichkeit oder Teilhabe. Deshalb stellt sich heute – ähnlich wie zu Wolffs Zeit – weiterhin die Frage, wie Wissen so vermittelt werden kann, dass möglichst viele Menschen es nutzen und einordnen können.
Die Universität als Ort der Wissensvermittlung
Die Universität Marburg steht in dieser Tradition des Wandels. Sie ist nicht nur ein Ort der Wissensproduktion, sondern auch ein Raum, in dem Wissen immer wieder neu übersetzt, vermittelt und zugänglich gemacht wird. An diese Tradition knüpft bis heute auch die Christian-Wolff-Vorlesung der Philipps-Universität an: Die weit über Marburg hinaus bekannte Vorlesungsreihe bringt Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, Philosophinnen und Philosophen sowie die interessierte Öffentlichkeit zusammen und erinnert zugleich an jenes an Vernunft und Wissenschaft orientierte Denken, das Christian Wolff in Marburg prägte. In dieser Perspektive erscheint Wolff nicht nur als historische Figur der Aufklärung, sondern als frühes Beispiel für eine bis heute aktuelle Aufgabe: Wissen verständlich zu machen, ohne es zu vereinfachen – und damit gesellschaftliche Teilhabe zu ermöglichen.
Christian Wolff
© Bildarchiv Foto Marburg
Quellen und Vertiefung
Biller, Gerhard: „Biographie und Bibliographie“, in: Theis, Robert und Alexander Aichele (Hrsg.): Handbuch Christian Wolff, Wiesbaden 2018, S. 5-31.
Geschichten, die bleiben
Universitäten leben nicht nur von dem, was in Hörsälen oder Laboren geschieht, sondern von den Lebenswegen, die von ihnen ausgehen. Dazu gehören Menschen, die mit ihren Erfahrungen, Ideen und Netzwerken in die Welt wirken und zugleich mit ihrer Universität verbunden bleiben. Dieses Prinzip hat in Marburg eine lange Tradition.
Studienbeginn in einer kleinen Universitätsstadt
Als Jacob Grimm und Wilhelm Grimm zu Beginn des 19. Jahrhunderts ihr Studium in Marburg aufnehmen, ist die Stadt eine kleine, dichte Universitätswelt: kaum 170 Studierende, enge Gassen, ein oft rauer Alltag. Jacob immatrikuliert sich 1802 für Rechtswissenschaft, Wilhelm folgte ihm ein Jahr später. Sie leben in schlichten Unterkünften in der Barfüßerstraße und später in der Wendelgasse.
Savigny als prägender Lehrer
Entscheidend geprägt werden die Brüder durch ihren Lehrer Friedrich Carl von Savigny. Er eröffnet ihnen mit seiner Privatbibliothek nicht nur neue literarische Horizonte, sondern vermittelt auch eine Form des Denkens, die Wissenschaft als lebendigen Prozess versteht. In Marburg beginnt ihr Interesse für Sprache, Literatur und Volkskultur. Zugleich knüpften sie Kontakte in ein intellektuelles Netzwerk, das sie über Jahre hinweg begleitet und ihre Arbeit entscheidend prägt.
Sammeln, ordnen, bewahren als wissenschaftliches Ethos
Hier entwickelt sich auch die Herangehensweise, die ihr späteres Werk auszeichnet: Mit großer Intensität und Ausdauer widmen sie sich der Sammlung und Ordnung von Wissen. Jacob Grimm arbeitet mit beinahe asketischer Disziplin und vertieft sich über Tage hinweg in seine Materialien; Wilhelm verfolgt seine Projekte mit ebenso beharrlicher Konsequenz. Dieses Arbeitsethos – geprägt von Geduld, Genauigkeit und dem Willen, kulturelle Überlieferung zu bewahren – wird zur Grundlage ihrer berühmten Kinder- und Hausmärchen und des Deutschen Wörterbuchs.
Marburg als Ausgangspunkt wissenschaftlicher Netzwerke
Marburg ist für die Brüder Grimm mehr als ein Studienort. Die Stadt wird zu einem Raum, in dem sich Interessen formen, intellektuelle Impulse verdichten und Beziehungen entstehen. Zwischen studentischem Alltag, literarischen Kreisen und ersten wissenschaftlichen Kooperationen entsteht ein Netzwerk von Kontakten und Ideen.
Ehrendoktorwürde und Brüder-Grimm-Preis
Auch formal bleibt die Verbindung bestehen: 1819 werden beide von der Philipps-Universität mit der Ehrendoktorwürde ausgezeichnet – ein Zeichen für die Bedeutung ihres Wirkens. Bis heute erinnert die Universität an dieses Erbe: Sie verleiht alle zwei Jahre den Brüder-Grimm-Preis für herausragende wissenschaftliche Leistungen in Sprach- und Literaturwissenschaften oder Rechtsgeschichte. Der Preis ist mit 5.000 Euro dotiert.
Die Geschichte der Brüder Grimm zeigt beispielhaft, was die Universität Marburg ausmacht: Sie ist ein Ausgangspunkt für Lebenswege, ein Knotenpunkt für Beziehungen und ein Raum, in dem Wissen entsteht, weitergegeben und transformiert wird. Was die Grimms im Austausch mit ihrem Umfeld entwickeln, tragen sie in die Welt – und prägen damit Wissenschaft und Kultur nachhaltig.
Diese Geschichte setzt sich in der Rolle der heutigen Studierenden fort: Absolventinnen und Absolventen führen die Impulse ihrer Studienzeit fort, bringen neue Erfahrungen zurück und halten das Netzwerk lebendig. So entsteht eine Gemeinschaft, die Generationen verbindet – ein lebendiges Archiv menschlicher Lebenswege, das sich stetig erweitert und in dem sich Vergangenheit und Gegenwart immer wieder neu begegnen.
Gebrüder Grimm
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Quellen und Vertiefung
Biller, Gerhard: „Biographie und Bibliographie“, in: Theis, Robert und Alexander Aichele (Hrsg.): Handbuch Christian Wolff, Wiesbaden 2018, S. 5-31.
Erster Nobelpreis für Medizin
Der Bakteriologie Emil von Behring (1854-1917) erhält den ersten Nobelpreis für Medizin für seine Forschungen zur Serumtherapie der Diphterie.
Mit Emil von Behring (1854-1917) ist die Philipps-Universität Marburg Schauplatz einer wissenschaftlichen Revolution: 1901 erhält Behring den Nobelpreis für Physiologie oder Medizin als erster Preisträger überhaupt. Ausgezeichnet wird er für die Entwicklung der Serumtherapie gegen Diphtherie – eine Krankheit, die bis dahin vor allem für Kinder oft tödlich verläuft. Seine Forschung markiert den Beginn einer neuen Epoche, in der Infektionskrankheiten nicht mehr als Schicksal hingenommen werden müssen, sondern gezielt behandelbar werden.
Bakteriologie und Infektionskrankheiten um 1900
Um 1900 zählen bakterielle Infektionskrankheiten zu den häufigsten Todesursachen. Diphtherie, damals auch „Würgeengel der Kinder“ genannt, fordert weltweit unzählige Opfer. Gleichzeitig entsteht mit der Bakteriologie eine neue Wissenschaft, die Krankheitserreger identifiziert und ihre Wirkungsweise untersucht. Forscher wie Robert Koch in Berlin schaffen die Grundlagen für ein Verständnis von Infektionen als biologische Prozesse – und eröffnen damit die Möglichkeit, gezielt in diese Prozesse einzugreifen.
Emil von Behring und die Entwicklung der Serumtherapie
Hier setzt Behring als Schüler von Robert Koch an: Gemeinsam mit Forschern aus seinem Umfeld entwickelt er ein Verfahren, bei dem Antikörper aus dem Blut immunisierter Tiere gewonnen und zur Behandlung erkrankter Menschen eingesetzt werden. Diese sogenannte Serumtherapie neutralisiert die von Bakterien gebildeten Gifte im Körper. Erstmals gelingt es damit, nicht nur Symptome zu lindern, sondern eine zentrale Ursache der Krankheit direkt zu bekämpfen. Die Behandlung senkt die Sterblichkeit drastisch und wird rasch weltweit angewendet.
Marburg als Standort biomedizinischer Forschung
Mit seiner Berufung nach Marburg 1895 wird die Universität zu einem Zentrum dieser neuen medizinischen Forschung. Behring baut hier nicht nur ein Labor auf, sondern verbindet wissenschaftliche Erkenntnis mit praktischer Anwendung. In Marburg entsteht ein früher biomedizinischer Produktionsstandort: die Behringwerke, in denen Seren in größerem Maßstab hergestellt werden. Diese enge Verzahnung von universitärer Forschung und industrieller Produktion ist richtungsweisend und prägt die Entwicklung der modernen Biomedizin.
Von der Serumtherapie zur Immunologie
Die Bedeutung von Behrings Entdeckung reicht weit über seine Zeit hinaus. Die Serumtherapie gilt als Ausgangspunkt der Immunologie und ebnet den Weg für Impfstoffe und moderne Therapien gegen Infektionskrankheiten. Millionen Menschenleben werden durch Verfahren gerettet, die auf seinen Arbeiten beruhen. Bis heute spielen medizinische und pharmakologische Forschung an der Universität und am Pharmastandort Marburg eine große Rolle.
Lebenswissenschaften an der Philipps-Universität heute
Heute steht die Philipps-Universität Marburg mit ihrer starken Ausrichtung in den Lebenswissenschaften in dieser Kontinuität. Mit rund 1300 Studierenden hat die Philipps-Universität den größten Fachbereich Pharmazie sowie das einzige Institut für Geschichte der Pharmazie in der Bundesrepublik Deutschland. Forschung an Infektionen, Immunität und Therapieformen knüpft an die Pionierarbeit Behrings an. Sein Nobelpreis ist damit nicht nur ein historischer Meilenstein für Medizin und Universität, sondern ein Ausgangspunkt für eine bis heute wirkende Forschungstradition, die Wissenschaft und ihren Transfer in den Dienst der Gesundheit stellt.
Emil von Behring
© Bildarchiv Foto Marburg
Quellen und Vertiefung
Enke, Ulrike: Emil von Behring 1854-1917 Immunologe - Unternehmer - Nobelpreisträger, Göttingen 2023.
Grundmann, Kornelia: Emil von Behring in Marburg. Ein Lesebuch, Marburg 2019.
Alix Westerkamp ist eine der großen Vorkämpferinnen und Wegbereiterinnen für Frauen in der Wissenschaft. Sie ist mit ihrer Promotion 1907 die Juristin, die an einer deutschen Universität den Doktortitel erhält.
1907 promoviert Alix Westerkamp an der Universität Marburg als erste Frau in Deutschland im Fach Rechtswissenschaft. Sie ist zugleich eine der ersten Frauen, die in Marburg den Doktortitel erhält. Alix Westerkamp wird 1881 in Marburg geboren. Ihr Vater, Theodor Westerkamp, ist Professor der Rechte an der Universität Marburg. In einem akademisch geprägten Elternhaus aufgewachsen, erhält sie vom Vater Unterstützung auf ihrem Weg in die Wissenschaft.
Studium und Promotion unter besonderen Hürden
Der Weg zur Promotion ist für Frauen zu dieser Zeit mit erheblichen Hürden verbunden. Vor 1908 durften sie in Preußen offiziell nicht studieren. Westerkamp besucht die Vorlesungen als Gasthörerin. Zulassungen erfolgen nur auf Grundlage besonderer Genehmigungen. Auch Westerkamp kann ihr Studium nur dank solcher Ausnahmen antreten. Die Juristische Fakultät der Universität Marburg unterstützt sie in ihrem Vorhaben und trägt dazu bei, dass ihr Promotionsverfahren 1907 schließlich erfolgreich abgeschlossen werden kann.
Engagement in der Frauenrechtsbewegung
Auch über ihr eigenes Studium hinaus engagiert sich Alix Westerkamp in der Frauenrechtsbewegung. Sie ist unter anderem Gründungsmitglied des „Vereins der studierenden Frauen“ in Marburg (1906) und übernimmt 1907 die Leitung der Rechtsschutzstelle für Frauen in Frankfurt am Main.
Alix Westerkamp als Wegbereiterin der Rechtswissenschaft
Westerkamps Promotion und Laufbahn stehen beispielhaft für den beginnenden Wandel in der Hochschullandschaft des frühen 20. Jahrhunderts – hin zu einer allmählichen Öffnung von Wissenschaft und akademischer Ausbildung für Frauen. Der Fachbereich Rechtswissenschaften der Universität Marburg würdigt Westerkamps Rolle als Vorkämpferin und Wegbereiterin und hat eine Förderinitiative für Nachwuchswissenschaftlerinnen nach ihr benannt. „Alix Westerkamp – We stand on your shoulders!“ – heißt es heute auf der Website des Fachbereichs. Durch Netzwerkbildung, Workshops und Veranstaltungen begleitet das Alix-Westerkamp-Mentoring Juristinnen von der Promotion bis zum Einstieg in das Berufsleben und bei ihrer Karriereplanung.
Gleichstellungsstarke Hochschule heute
Heute trägt die Philipps-Universität Marburg das Prädikat „Gleichstellungsstarke Hochschule“, das ihr zuletzt 2025 für ihre vorbildliche Gleichstellungsarbeit verliehen wurde. Die Philipps-Universität verfolgt seit vielen Jahren eine konsequente Gleichstellungspolitik, die Frauen auf allen Karrierestufen im Wissenschaftssystem fördert. Ziel ist es, mehr Frauen auf Professuren zu bringen und die strukturelle Verankerung von Chancengleichheit weiter auszubauen. Inzwischen sind knapp 34 Prozent der Professuren in Marburg mit Frauen besetzt, vier dieser Professorinnen gehören zum Fachbereich Rechtswissenschaften. Auch unter den Promovierten wäre Alix Westerkamp heute weniger allein: 40 Prozent der Jura-Promotionen werden von Frauen abgeschlossen.
Zu den zentralen Maßnahmen der Philipps-Universität gehören unter anderem dezentrale Gleichstellungsstrukturen, Mentoringprogramme, fachspezifische Förderlinien in MINT-, Geistes- und Sozialwissenschaften sowie gezielte Maßnahmen zur aktiven Rekrutierung von Wissenschaftlerinnen. Nachwuchswissenschaftlerinnen profitieren von Abschlussstipendien und Karriereförderfonds, Studentinnen und Schülerinnen werden durch Programme wie die „MINT-Summer-School for Girls“ oder „Mehr (für) Physikstudentinnen!“ gezielt angesprochen.
Beratung zu Frauenförderung, Gleichstellung und Chancengleichheit
Die Frauen- und Gleichstellungsbeauftragten der Philipps-Universität Marburg sind Ansprechpartnerinnen für alle Fragen rund um Frauenförderung, Gleichstellung und Chancengleichheit. Sie stehen nicht ausschließlich Frauen für Beratungen zur Verfügung, sondern sind Anlaufstelle für alle Geschlechter.
Quelle und Vertiefung
Lorch-Göllner, Silke: Vorkämpferinnen an der Alma Mater Philippina. Die ersten (Gast-)Hörerinnen an der Universität Marburg (1895 bis 1908) (Academia Marburgensis. Beiträge zur Geschichte der Philipps-Universität Marburg Band 19), Münster 2024, S. 163 -173.
Kritische Auseinandersetzung der Universität mit ihrer Vergangenheit
1933 wird der Altphilologe und Leiter des Deutschen Sprachatlas Hermann Jacobsohn durch das NS-Regime entlassen. Kurz darauf nahm er sich das Leben. Das Portal zur Geschichte der Universität Marburg im Nationalsozialismus erinnert an die Lebensläufe von Studierenden und Lehrenden und zeichnet die Verbindung von politischer Verfolgung, antisemitischer Ausgrenzung und institutionellem Handeln nach. Die Philipps-Universität stellt sich der Verantwortung, sich beständig kritisch mit ihrer nationalsozialistischen Vergangenheit auseinanderzusetzen.
Entlassung im April 1933
Am 25. April 1933 erreicht den Kurator der Marburger Universität ein Telegramm aus Berlin. Es ordnet an, zwei Marburger Professoren mit sofortiger Wirkung von allen Universitätsverpflichtungen zu entbinden. Grundlage ist das Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums vom 7. April 1933, mit dem das nationalsozialistische Regime politische Gegnerinnen und Gegner sowie jüdische Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus dem Staatsdienst drängt. Noch am selben Tag wird dies den Betroffenen schriftlich mitgeteilt.
Einer von ihnen ist Hermann Jacobsohn, Professor für Indogermanische Sprachwissenschaft. Als der Erlass am 4. Mai schließlich per Post in Marburg ankommt, ist Jacobsohn bereits tot. Zwei Tage nach dem Telegramm hatte er sich im Alter von 53 Jahren mitten in Marburg vor einen Zug geworfen. Die zunächst angeordnete Beurlaubung galt formal nur bis zu einer „endgültigen Entscheidung“ und erfolgte bei vollen Bezügen. Offenbar sah Jacobsohn, der einer jüdischen Familie entstammte, keinen anderen Ausweg mehr als den Freitod.
Allerdings wurde Jacobsohn aus politischen Gründen aus dem Amt entfernt, wie aus Akten hervorgeht. Der Fragebogen zur Durchführung des genannten Gesetzes, der nach seinem Tod noch ausgefüllt und von seiner Witwe vervollständigt und unterschriebenen wurde, legt dies nahe. Als bereits vor dem 1. August 1914 verbeamteter Professor hätte er zu diesem Zeitpunkt wegen seiner „nicht-arischen Abstammung“ noch nicht „beurlaubt“ werden können. Diese Konstellation verdeutlicht die enge Verbindung von politischer Verfolgung, antisemitischer Ausgrenzung und institutionellem Handeln bereits im Frühjahr 1933.
Wissenschaftliche Laufbahn und Berufung nach Marburg
Hermann Jacobsohn beginnt nach seiner Schulzeit in Lüneburg das Studium der vergleichenden Sprachwissenschaft und strebte eine universitäre Laufbahn an, was für Juden zu dieser Zeit alles andere als selbstverständlich ist. Wenige Tage nach seiner Doktorprüfung in Göttingen verlobt er sich mit Margarete Flemming, der Tochter eines protestantischen Augenarztes aus seiner Heimatstadt Lüneburg.
In München habilitiert er sich im Fach Allgemeine und vergleichende Sprachwissenschaften. 1911 kommt er als außerordentlicher Professor für Indogermanische Sprachwissenschaft an die Universität Marburg. Während des Ersten Weltkriegs wird er als Dolmetscher für Russisch in einem Kriegsgefangenenlager bei Kassel eingesetzt, wo er schließlich mit ministerieller Genehmigung wissenschaftlich tätig wird. In verschiedenen Lagern erforscht er die zahlreichen slawischen und baltischen Sprachen und Dialekte sowie die finno-ugrischen Sprachen, die die Gefangenen sprechen.
Auf diesen Grundlagen entsteht das wissenschaftliche Werk, das seine Karriere als international anerkannter Sprachwissenschaftler begründet. 1919 erfolgt die Ernennung zum ordentlichen Professor, ab 1922 handelt es sich um ein planmäßiges Ordinariat. Er etabliert die Indogermanistik an der Universität Marburg. In den Jahren 1929/30 wird er Dekan der Philosophischen Fakultät, ab 1930 leitet er zudem kommissarisch den Deutschen Sprachatlas.
Politisches Engagement und Wahrnehmung der Bedrohung
Nicht nur als Gelehrter, sondern auch als Mitglied in der Deutschen Demokratischen Partei ist Jabobsohn aktiv und Weggefährte des gleichzeitig mit ihm entlassenen Wilhelm Röpke sowie von Martin Rade und Walter Schücking.
Den Selbstmord erklärt seine Enkelin Ruth Verroen mit dem Scheitern seines Lebensziels, dem Zusammenleben von Juden und Nicht-Juden in Deutschland. Als politisch aktiver Mensch hat er die Entwicklung der Verhältnisse genau beobachtet, die antidemokratischen Tendenzen und den wachsenden Antisemitismus in der Universität beklagt. Vielleicht wollte er auch seine Familie schützen. Er sah offenbar keinen anderen Ausweg mehr.
Ausbleibende Würdigung und späte Erinnerung
Die Universität würdigt Hermann Jacobsohn nicht mit einem Nachruf. Der Verbindung zwischen Suizid und Beurlaubung, die ein Artikel der Neuen Zürcher Zeitung herstellt, tritt sie sogar empört entgegen. Erst 1999 benennt die Stadt Marburg die Straße, an der der Sprachatlas inzwischen liegt, nach ihm. Seit 2014 liegt vor seinem Wohnhaus ein Stolperstein. 2026 wurde eine kurze Würdigung seiner wissenschaftlichen Verdienste durch seinen Freund, den Archäologen Paul Jacobsthal, in Vertretung von Rektor und Senat an seinem Grab bekannt – beigelegt zur Abrechnung der Fahrtkosten zur Beerdigung in Lüneburg.
Erinnerung an Hermann Jacobsohn heute
Der Universität Marburg ist die Erinnerung an Hermann Jacobsohn und die Rolle der Universität wichtig. Sie stellt sich der Verantwortung, sich beständig kritisch mit ihrer nationalsozialistischen Vergangenheit auseinanderzusetzen. Seit Februar 2024 macht das Portal zur Geschichte der Universität Marburg im Nationalsozialismus die komplexe Vergangenheit der Hochschule transparent. Besucherinnen und Besucher können sich über die Lebensläufe von Studierenden und Lehrenden informieren, die Rolle der Universität während des Nationalsozialismus nachvollziehen und sich mit den Auswirkungen dieser Zeit auseinandersetzen. Gleichzeitig können Universitätsangehörige am Ausbau des Portals aktiv mitwirken: Die Inhalte werden durch ihre Beteiligung kontinuierlich erweitert. Die Universität Marburg lädt alle Interessierten dazu ein, das Portal zu erkunden und dazu beizutragen, es beständig weiter auszubauen.
Porträt von Hermann Jacobsohn
© Bildarchiv Foto Marburg
Demokratie braucht Haltung. Vordenker wie der Politikwissenschaftler Wolfgang Abendroth prägen die Universität als Ort des Diskurses und der gesellschaftlichen Wirkung. In der Tradition des Wandels und des Gestaltens führt die Universität unterschiedliche Perspektiven zusammen und nimmt ihre Verantwortung in der demokratischen Gesellschaft wahr.
Universitäten sind Orte des Wandels. Nicht nur, weil hier Wissen erzeugt und weitergegeben wird, sondern weil hier gesellschaftliche Entwicklungen reflektiert und mitgestaltet werden. Eindrücklich zeigt sich dies im Wirken und Leben von Wolfgang Abendroth. Der von Jürgen Habermas so bezeichnete „Partisanen-Professor im Land der Mitläufer“ ist in den 1950er und 60er Jahren der einzige Professor in der BRD, der offen als Marxist auftritt. Als führender Kopf der politischen Linken prägt er den Ruf Marburgs als „linke“ Universität. Er ist einer der einflussreichsten Politikwissenschaftler der frühen Bundesrepublik und steht für eine Universität, die Demokratie nicht nur analysiert, sondern auch aktiv verteidigt und weiterentwickelt.
Demokratie als historisch erkämpfte Ordnung
Abendroths Verständnis von Demokratie ist grundlegend historisch geprägt. Er begreift sie nicht als gegebenen Zustand, sondern als ein Ergebnis sozialer Kämpfe und politischer Auseinandersetzungen. Insbesondere die Erfahrungen des Scheiterns der Weimarer Republik und der nationalsozialistischen Diktatur formen sein Bild von Demokratie. Für Abendroth muss Demokratie aktiv gesichert und immer wieder erneuert werden.
Biografie zwischen Verfolgung und demokratischer Erneuerung
Abendroths Denken ist eng mit seiner Biografie verbunden. 1906 geboren, engagiert er sich früh in sozialistischen Zusammenhängen und schließt sich einem kommunistischen Jugendverband an. Wegen seiner politischen Haltung wird er im Nationalsozialismus verfolgt, erhält 1933 Berufsverbot und kommt 1937 wegen seiner Widerstandstätigkeit für vier Jahre in Haft. Nach dem Zweiten Weltkrieg setzt er zunächst in der sowjetischen Besatzungszone seine wissenschaftliche Laufbahn fort, flieht 1948 in den Westen und übernimmt schließlich eine Professur für Wissenschaftliche Politik an der Philipps-Universität Marburg. Dort wird dort zu einer prägenden Figur der Politikwissenschaft in Deutschland.
Seine Erfahrungen – die politische Verfolgung sowie sein Engagement für demokratische Erneuerung und Entwicklung – prägen seine wissenschaftliche Arbeit nachhaltig. In Marburg entwickelt Abendroth eine Politikwissenschaft, die sich bewusst als kritisch und gesellschaftlich engagiert versteht.
Die Marburger Schule der Politikwissenschaft
Abendroth begründete in der Politikwissenschaft die sogenannte „Marburger Schule“, die wissenschaftliche Analyse mit einem normativen Anspruch verbindet. Forschung und Lehre sollen zur Stärkung und Weiterentwicklung der Demokratie beitragen, und Studierende nicht nur ausgebildet, sondern zur eigenständigen politischen Urteilsbildung angeleitet werden. Die Universität wird damit zu einem Raum, in dem demokratische Praxis vorbereitet, reflektiert sowie gelehrt und weiterentwickelt werden kann.
Wandel als Verantwortung der Universität
Vor diesem Hintergrund erhält das heutige Leitmotiv der Philipps-Universität „Wir können Wandel“ eine besondere Bedeutung. Es verweist auf die Fähigkeit und Verantwortung von Institutionen wie der Universität, gesellschaftliche Entwicklungen nicht nur zu begleiten, sondern aktiv mitzugestalten und die Grundlage für zukünftige Perspektiven zu schaffen. Abendroths Werk macht deutlich, dass Demokratie auf kritisches Denken, soziale Sensibilität und politisches Engagement angewiesen ist und darauf aufbaut.
Die Universität spielt dabei eine zentrale Rolle. Sie ist nicht nur ein Ort der Wissensproduktion, sondern auch ein Raum für Diskurs, Kritik und Reflexion. In ihr können unterschiedliche Perspektiven aufeinandertreffen und neue Ideen entstehen. In diesem Sinne ist sie selbst ein grundlegender Teil des Wandels und steht im Einklang mit Abendroths Verständnis von Wissenschaft als gesellschaftlich verantwortliche Praxis.
Tradition und Veränderung als demokratische Aufgabe
Wandel ist kein Gegensatz zur Tradition, sondern deren Weiterentwicklung unter neuen Bedingungen und in neuen Zeiten. Eine Universität, die sich diesem Anspruch verpflichtet fühlt, trägt aktiv zur Zukunft der Demokratie bei.
„Wir können Wandel“ bedeutet dann nicht nur die Fähigkeit zur Anpassung, sondern den bewussten Willen zur Gestaltung und Weiterentwicklung im Sinne einer lebendigen Demokratie.
Wolfgang Abendroth am Rednerpult im Audimax
© Witich Roßmann
Quellen und Vertiefung
Scholle, Thilo: Wolfgang Abendroth, in: Friedrich-Ebert-Stiftung (2026), https://www.fes.de/asd/vordenker-innen/wolfgang-abendroth, Zugriff: 20.07.2026.
Deppe, Frank: Zum 100. Geburtstag von Wolfgang Abendroth, in: UniForum (2006), S. 43-46.
Abendroth, Wolfgang Walter Arnulf, in: Professorenkatalog der Philipps-Universität Marburg https://professorenkatalog.online.uni-marburg.de/de/pkat/idrec?id=620 (Stand: 10.5.2026).
Abendroth, Wolfgang: Zum Begriff des demokratischen und sozialen Rechtsstaates im Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland, in: Buckmiller, Michael, Joachim Perels und Uli Schöler (Hrsg.), Gesammelte Schriften. Band 2: 1949-1955, Hannover 2008, S. 338-357.
Als Elisabeth Blochmann (1892-1972) 1952 an der Philipps-Universität Marburg zur ordentlichen Professorin für Pädagogik ernannt wird, schreibt sie deutsche Wissenschaftsgeschichte. Nachdem die Pädagogik in Marburg zunächst von dem Philosophen Paul Natorp (seit 1893) und später von Psychologen vertreten worden war, etabliert sie sich mit Blochmann als eigenes Fach. Elisabeth Blochmann ist die erste Frau in Deutschland, die eine ordentliche Professur für Pädagogik innehat. Zugleich ist sie die erste Frau auf einem ordentlichen Lehrstuhl der Marburger Universität.
Ganz neu war eine Frau auf einer Professur in Marburg allerdings nicht: Bereits 1923 hatte sich die Germanistin Luise Berthold als erste Frau in Marburg habilitiert. Sie lehrte und arbeitete zeitlebens als außerplanmäßige oder außerordentliche Professorin. Bis zu Bertholds Eintritt in den Ruhestand 1957 waren beide an derselben Fakultät tätig und miteinander befreundet.
Blochmanns Berufung markiert einen wichtigen Schritt auf dem Weg zur Öffnung wissenschaftlicher Karrieren für Frauen: Auf die erste Habilitation einer Frau folgt knapp 30 Jahre später die Berufung einer Professorin auf einen ordentlichen Lehrstuhl. Dieser Schritt ist Teil einer langen und keineswegs geradlinigen Entwicklung. Elisabeth Blochmanns eigener Weg führt über die Lehrerinnenausbildung und die Emigration nach England. Ihre Biografie steht beispielhaft für die Geschichte der Frauenbildung und die gesellschaftlichen Veränderungen des 20. Jahrhunderts. Sie macht zugleich sichtbar, wie Krieg, politische Umbrüche und ideologische Einflussnahme die Ausbildungs- und Berufschancen von Frauen in der ersten Hälfte des Jahrhunderts prägten.
Von der Lehrerinnenausbildung zum Studium
Geboren am 14. April 1892 als älteste von drei Töchtern eines Staatsanwalts in Apolda/Thüringen, besucht sie in Weimar die Höhere Töchterschule und das Oberlyzeum, das sie 1911 abschließt. Sie will Medizin studieren, durchläuft aber stattdessen zunächst 1912/13 eine Ausbildung zur Hilfsschwester. Innerhalb eines Seminarjahres 1913/14 in Wiesbaden erwirbt sie das Lehrerinnenexamen. Anschließend arbeitet sie im Lazarett in Weimar und unterrichtet ab 1915 an ihrer alten Schule.
1917 beginnt sie schließlich zu studieren – in Jena, Straßburg, Marburg und Göttingen. Die Fächer Germanistik und Geschichte stehen im Vordergrund, Französisch, Soziologie, Philosophie und Pädagogik kommen dazu. Über ihre Freundin Elfride, die spätere Ehefrau Martin Heideggers, lernt sie diesen kennen und steht mit ihm fast ihr gesamtes weiteres Leben im brieflichen Austausch.
Von der Germanistik zur Pädagogik
Blochmanns akademischer Weg führt zunächst in die Germanistik. In ihrer Staatsexamensarbeit beschäftigt sie sich mit der Periode des Sturm und Drang und der Romantik. Ihre 1923 veröffentlichte Dissertation untersucht eine anonyme Flugschrift des 17. Jahrhunderts.
Mit Pädagogik beschäftigt sie sich in Marburg bei Paul Natorp sowie in Göttingen bei Herman Nohl, mit dem sie lange im Austausch bleibt. Ab 1923 arbeitet sie in Thale im Harz als Dozentin an der Sozialen Frauenschule und unterrichtet ab 1926 Berlin am Pestalozzi-Fröbel-Haus. Diese und ähnliche Einrichtungen, die seit dem späten 19. Jahrhundert bestanden, sollen Frauen dabei unterstützen, ihre soziale, politische, wirtschaftliche und kulturelle Situation zu verbessern und letztlich ihre Gleichstellung fördern. Hier entstehen auch Blochmanns Schriften zur pädagogischen Arbeit mit Kindern und dem Kindergarten. 1930 wechselte sie als Professorin an die neu gegründete Pädagogische Akademie in Halle, die Volksschullehrerinnen und -lehrer ausbildet.
1933: Entlassung und Emigration nach Oxford
Ein halbes Jahr nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten wird Blochmann aufgrund der jüdischen Herkunft ihrer Mutter entlassen. Da sie für sich keine Zukunft in Deutschland sieht, emigriert sie nach Oxford. An einem der vier damaligen Frauencolleges erhält sie eine Anstellung als Pädagogin und Literaturwissenschaftlerin. Sie unterrichtet deutsche Kultur und Literatur und erwirbt den Abschluss Master of Arts.
Professur in Marburg und Forschung zur Frauenbildung
1952 wird Elisabeth Blochmann auf die neu geschaffene Professur für Pädagogik nach Marburg berufen. Ihre Schwerpunkte in der Lehre liegen in der Allgemeinen Pädagogik und Geschichte der Pädagogik. Sie betreut zahlreiche Doktorarbeiten, begründet eine Schriftenreihe und arbeitet über die Mädchen- und Frauenbildung. 1960 wird sie emeritiert, übernimmt aber noch Lehrstuhlvertretungen in Göttingen. Ihr Hauptwerk „Das „Frauenzimmer“ und die „Gelehrsamkeit“ veröffentlicht sie 1966. Darin setzt sie sich mit der Geschichte der Mädchen- und Frauenbildung auseinander.
Bedeutung für Frauenbildung und Gleichstellung
Die wissenschaftliche Arbeit und der eigene Lebensweg Elisabeth Blochmanns sind eng verbunden mit Fragen der Bildung und gesellschaftlichen Teilhabe. Ihr Werdegang zeigt, wie sich wissenschaftliche Interessen, pädagogische Praxis und die Entwicklung der Frauenbildung gegenseitig beeinflussen. Ihr Schüler Gerd Iben fasst diese Verbindung prägnant zusammen: „Ihr Werdegang verkörpert ein Stück Emanzipationsgeschichte der Frau“.
Gleichzeitig steht Blochmann für einen Wandel, der Frauen schrittweise den Zugang zu höherer Bildung und wissenschaftlichen Laufbahnen eröffnete. Der Weg von Luise Bertholds Habilitation 1923 über Blochmanns Berufung 1952 bis zur heutigen Gleichstellung zeigt den Zugang der Frauen zur Wissenschaft als langen strukturellen Veränderungsprozess.
Elisabeth Blochmann 20er Jahre
© Ursprung unbekannt, Foto in: Klafki/Müller 1992, Repro FRGB
Quellen und Vertiefung
Froese, Leonhard: Elisabeth Blochmann (1892-1972). Professorin für Pädagogik, in: Ingeborg Schnack (Hrsg.), Marburger Gelehrte in der ersten Hälfte des 20. Jahrhundert (Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Hessen 35), Marburg 1977, S. 42-47, hier auch das Zitat von Gerd Iben.
Klafki, Wolfgang und Helmut-Gerhard Müller: Elisabeth Blochmann (1892-1972) (Schriften der Universitätsbibliothek Marburg 62), Marburg 1992.
Komplexe Fragen der Zeit und Lösungen für die Zukunft können nur interdisziplinär erforscht werden. Die wissenschaftlichen Zentren der Philipps-Universität sind Knotenpunkte, die exzellente Forschung aus unterschiedlichen Disziplinen zusammenbringen und Impulse für die Welt von morgen hervorbringen. Bruno Eckhardt (1960-2019) prägte als Professor für Physik und Gründungsdirektor von SYNMIKRO die Entwicklung des Zentrums maßgeblich.
Mit der Gründung des Zentrums für Synthetische Mikrobiologie (SYNMIKRO) stärkt die Philipps-Universität Marburg 2010 gezielt ihre Forschung in einem Zukunftsfeld, das Biologie, Chemie, Physik, Informatik und Ingenieurwissenschaften verbindet. Zugleich vertieft sie die strategische Zusammenarbeit mit dem Max-Planck-Institut für terrestrische Mikrobiologie auf den Lahnbergen.
Bruno Eckhardt als Gründungsdirektor
Erster Direktor des Zentrums ist der Physiker Bruno Eckhardt (1960–2019). Der Leibniz-Preisträger steht wie kaum ein anderer für den interdisziplinären Ansatz von SYNMIKRO: Komplexe Systeme lassen sich nur im Zusammenspiel verschiedener Fachrichtungen verstehen. Sein Engagement für die Förderung junger Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler wirkt bis heute nach. Seit 2026 erinnert die „Bruno-Eckhardt-Lecture“ an dieses Vermächtnis.
Mikrobiologie als Schlüssel zur Bewältigung gesellschaftlicher Herausforderungen
SYNMIKRO entstand aus der Erkenntnis, dass viele der großen Herausforderungen unserer Zeit – vom Klimawandel über nachhaltige Landwirtschaft bis zur Entwicklung neuer Therapien – ohne ein tieferes Verständnis mikrobiellen Lebens nicht zu bewältigen sind. Mikroorganismen steuern zentrale Stoffkreisläufe, beeinflussen Gesundheit und Umwelt und bilden die Grundlage zahlreicher biologischer Prozesse. Ziel der Forschung in Marburg ist es, diese Prozesse nicht nur zu entschlüsseln, sondern auch besser vorhersagbar zu machen und gezielt zu nutzen.
Forschungsansatz der synthetischen Mikrobiologie
Im Zentrum steht die Synthetische Mikrobiologie – ein Forschungsansatz, der klassische Mikrobiologie mit Physik, Chemie, Mathematik, Informatik und Ingenieurwissenschaften verbindet. Forschende untersuchen Mikroorganismen über alle Ebenen hinweg: von der Struktur einzelner Moleküle bis zur Dynamik komplexer mikrobieller Gemeinschaften. Durch die Verbindung experimenteller und computergestützter Methoden entstehen neue Möglichkeiten, biologische Systeme zu verstehen und für nachhaltige Technologien, innovative Produktionsverfahren oder medizinische Anwendungen nutzbar zu machen.
Vom Forschungsverbund zum internationalen Zentrum
Aus einem zunächst durch das hessische LOEWE-Programm geförderten Forschungsverbund entwickelte sich SYNMIKRO rasch zu einem international sichtbaren Zentrum der Spitzenforschung. Heute arbeiten rund 500 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus zahlreichen Disziplinen in mehr als 40 Arbeitsgruppen zusammen. Der gemeinsame Forschungsneubau von Universität und Max-Planck-Institut, modernste Technologieplattformen und ein weltweit gespanntes Kooperationsnetzwerk machen Marburg zu einem der bedeutendsten Standorte mikrobiologischer Forschung in Europa.
Grundlage für Exzellenzcluster „Microbes for Climate“
Die Dynamik und wissenschaftliche Exzellenz von SYNMIKRO schufen zugleich die Grundlage für einen der größten Forschungserfolge der jüngeren Universitätsgeschichte: den Exzellenzcluster „Microbes for Climate“ (M4C). Inhaltlich und personell eng mit SYNMIKRO verknüpft, erforscht M4C die Rolle von Mikroorganismen im Klimasystem der Erde und entwickelt neue Ansätze, ihr Potenzial für den Klimaschutz zu nutzen.
Damit wurde das 2010 gegründete Forschungszentrum zum Motor einer Entwicklung, die Marburg als international sichtbaren Leuchtturm der Mikrobiologie etabliert hat. SYNMIKRO steht beispielhaft für eine Forschungskultur, die Grenzen zwischen Disziplinen überwindet und wissenschaftliche Erkenntnisse für die Herausforderungen der Zukunft nutzbar macht – ganz im Sinne seines Gründungsdirektors Bruno Eckhardt.
Seit 1527 ist die Philipps-Universität Marburg ein Ort, an dem Zukunft entsteht. Wir können Wandel. Mit Neugier und Verantwortung geben wir Impulse für die Welt von morgen. Nutzen Sie unser Gästebuch als Mitmachprojekt, das aus den Einträgen mit Hilfe von KI ein Mosaik der Zukunftsvisionen für die Universität generiert: Zukunftsgenerator.