Philipps Fanfaren
Seit einem Jahr erforschen die Künstler*innen Helgard Haug und Daniel Wetzel vom Theaterlabel Rimini Protokoll die Philipps-Universität Marburg als sozialen und klanglichen Organismus. Unter dem Tiel "100% Uni Marburg" und "Philipps Fanfaren" entstehen zwei Projekte über Wahrnehmung, Vielfalt und Zusammenklang einer Universität mit 25.000 Menschen- Währen "100% Uni Marburg" die Universität mit 100 Angehörigen perfomativ abbildet, übersetzen die "Philipps Fanfaren" ihre Vielstimmigkeit in eine dauerhaft installierte Klangkomposition im Stadtraum.
Modell der Philipps Fanfaren
Philipps Fanfaren
Kirchen nutzen Glocken, um auf sich aufmerksam zu machen, die Stadt Sirenen, der Hahn am Rathaus bespielt polyrhythmisch das Verhältnis von Administration, Spiritualität und Humor. Im 500. Jahr ihres Bestehens wird die Universität ein Zeichen installieren, das das Zusammenspiel ihrer Einheiten täglich anklingen lässt: 19 “Fanfaren” - an 19 Gebäuden dauerhaft installiert - werden eine Komposition abspielen, von der an jedem Gebäude immer nur eine der 19 akustischen Spuren hörbar ist.
Ein elektronisches Stück, dessen Material aus der Uni kommt und Semester für Semester aktualisiert werden kann. Einmal im Semester wird überprüft werden: stimmt das noch so? Was hat sich verändert? Wie klingen wir jetzt? Sind wir überhaupt noch zu hören? Und dann eine entsprechend aktualisierte Fassung einzuspeisen.
So kann es jedes Semester neu klingen, in 20 Jahren sicherlich sehr anders. Und in 500?
Mit “Philipps Fanfaren” fragen Haug / Wetzel Angehörige der Universität in allen Bereichen: Welches spezielle Geräusch begleitet Ihre Arbeit an der Uni? Und was würden wir hören, wenn die Uni ein Klang wäre, allgemein? Die Antworten sind mittlerweile hunderte von Beschreibungen und bereits viele Aufnahmen, die immer wieder neu kombiniert in die automatisieren Komposition einfließen – von Knochensäge, Ultraschall-Wasserbad, Transponderpiepsen, Pillenstanzmaschine, vom Schnappen der Türen, dem Klopfen auf den Tischen am Ende einer Vorlesung, vom Blättern in einem Buch, dem Tippen auf der Tastatur, dem Gluckern der Kaffeemaschine, dem Akkord aus Bundesstraße 3 und Bahn, der Fahrstuhlstimme, Schritten im Flur, dem Rollen einer Flasche den Hörsaal hinunter…..
Zur Beschreibung der Uni als Klang, denken Befragte an den Klang vieler Stimmen, einen klaren Gong, an Free-Jazz, ein wohlklingendes Orchester mit dissonanten Unterklängen und vieles mehr - 25.000 Menschen, 25.000 Klangbilder. “Philipps Fanfaren” will die Frage nach dem Zusammenklang des Unterschiedlichen wachhalten, wie der Hahn die Frage nach der Aufklärung und jede klingende Ampelanlage, dass manche unter uns dort Fragen haben, wo wir alle Bescheid zu wissen meinen.
Während diese 19 Fanfaren, die über die ganze Stadt verteilt sind, Teile des Ganzen hörbar machen, versammelt das “Fanfarium”, ein Apparat im Kunstmuseum, alle 19 Stimmen zu einem Klangkörper und macht sie hörbar.
Schematisch-technische Darstellung der Philipps Fanfaren
© Rimini Protokoll
Von: Helgard Haug und Daniel Wetzel
Programmierung / Technische Leitung: Joscha Eckert
Gestaltung / Szenographie: Dominik Steinmann
Instrumentenbau: The Berliner Tuba
Unterstützung Recherche: Tabea Gruß
in Zusammenarbeit mit dem Fachbereich Physik / Feinmechanik Werkstatt, dem Studentisches Sinfonieorchester Marburg e. V. und der Komponistin Jieun Jun
Helgard Haug und Daniel Wetzel haben an der Justus-Liebig-Universität Gießen „Angewandte Theaterwissenschaft / Drama– Theater – Medien“ studiert. Seit 1995 arbeiten beide als freischaffende Künstler*innen in den Bereichen Performance, Hörspiel, Film, Installation und Medien. 2002 haben sie gemeinsam mit Stefan Kaegi das Theater-Label Rimini Protokoll gegründet und arbeiten seitdem in verschiedenen Konstellationen unter diesem Label.
Rimini Protokoll entwickeln ihre Bühnenstücke, Interventionen, szenischen Installationen und Hörspiele häufig mit Expert*innen, die ihr Wissen und Können jenseits des Theaters erprobt haben. Sie übersetzen Räume oder soziale Ordnungen in theatrale Formate und stehen für einen forschenden Ansatz in der Erschließung und Umsetzung neuer Gegenwarten. In letzter Zeit werden immer mehr immersive und interaktive Arbeiten für Museen geschaffen. Ihre Arbeit mit „Expert*innen“ wird in zahlreichen wissenschaftlichen Publikationen weltweit als wegweisend für neue Formen des Dokumentarischen Theaters beschrieben.
Viele ihrer Arbeiten wurden ausgezeichnet, u.a. mit Einladungen zum Berliner Theatertreffen, mit dem Mühlheimer Dramatikerpreis, dem Deutschen Theaterpreis Der Faust und mit dem Silbernen Löwen der Theaterbiennale Venedig.